Tag der offenen Tür im Knast III

Autor: Carsten

Wie schon vor einiger Zeit angekündigt, als Appetizer für den heute stattfindenden Tag der offenen Tür in der JVA ein älteres Gedächtnisprotokoll.
Hinweis: Der Besuch sowie damit natürlich auch der folgende Text stammen aus 2004. Es könnte sich seitdem durchaus etwas verändert haben.

Worauf ich über 20 Jahre neugierig war, wurde heute endlich befriedigt. Punkt 13 Uhr öffnete sich das Haupttor, und nach einer Personenkontrolle gelangt man in den ersten Sicherheitsbereich, quasi der Empfangsbereich der JVA. Nach der höflichen Bitte, “Handys, Handgranaten und sonstige Sprengstoffe” doch bitte spätestens hier abzugeben, geht es weiter zu den Besucherräumen. Hierbei werden unterschiedliche Räumlichkeiten für Besuche zur Verfügung gestellt.

Zum einen die normalen Besucherräume. Dabei werden bis zu 3 Besucher in einen Raum geführt, erst danach wird der Inhaftierte von einem Beamten in den Raum gebracht. Während des gesamten Besuches bleibt dieser Beamte dabei und verlässt ihn auch zusammen mit dem Inhaftierten wieder vor den Besuchern. Der Inhaftierte wird dabei sowohl vor als auch nach dem Besuch durchsucht.
Desweiteren gibt es auch Besucherräume, bei denen kein Körperkontakt möglich ist. Diese Art von Besuchen kennt man meist aus US-Filmen, der Raum ist durch eine Glasscheibe getrennt. Auch hier ist stets ein Beamte zugegen.
Zuletzt gibt es noch “optische Besucherräume”. Dabei wird der Inhaftierte zusammen mit dem Besuch in einen Raum geführt, der zwar für sich abgeschlossen ist, jedoch durch Glaswände stets von einem Beamten überwacht wird.

Weiter geht es in die mit unzähligen Monitoren ausgestattete Torwache. Hier laufen sämtliche Alarm- und Überwachungssysteme der JVA zusammen. Jeder Zentimeter des Aussenbereichs der JVA kann hier durch Kameras eingesehen werden. Ebenso laufen hier sämtliche Alarme auf, die jedoch meist durch Tiere ausgelöst werden, die die Bewegungsmelder kreuzen.

Jetzt gelangen wir über den Innenhof in den Haupttrakt der JVA, den Zellentrakt. Zunächst geht es mit dem Aufzug hoch in den 8. Stock, den Dachhof. Hier ist einer der Höfe, in denen die Häftlinge ihre tägliche Stunde Hofgang geniessen. Wobei man hier nicht wirklich von einem Genuss sprechen kann, denn auch dieser Dachhof ist nochmals überdacht, ca. 1,5 Meter von der Brüstung entfernt sind massive Gitter montiert und das eigentliche Dach ist mit Stacheldraht und weiteren Massnahmen gegen Befreiungsversuche aus der Luft gesichert.

Nun geht es ein Stockwerk tiefer in den berühmten 7. Stock.
Aus dem Treppenhaus raus, nach rechts durch eine weitere massive Gittertüre und wir stehen mitten im Hochsicherheitstrakt von Stammheim. Es geht den Gang entlang, alle Türen sind äusserst massiv und mit 5 Schliessungen versehen. Die vorletzte Zelle links ist offen und nicht belegt. Es handelt sich um eine karge 4-Mann-Zelle mit zwei Stockbetten, zwei mehrfach mit Gittern gesicherten Fenstern, einem Blechwaschbecken und einer Toilette, die durch eine kleine Trennwand bis zu einer Höhe von ca. 1,20 Meter sehr dürftig vom Rest des Raumes abgetrennt ist.
Beinahe auf den Tag genau 27 Jahre nach der “Todesnacht von Stammheim” am 18.10.1977 stehen wir in der Zelle von Andreas Baader.
Es ist ein ziemliches beklemmendes Gefühl, sich auf diesen ca. 15 Quadratmetern aufzuhalten – dabei ist die Zellentüre doch offen und man kann den Raum jederzeit verlassen.
Es geht wieder hinaus auf den Gang. Zwei Zellen weiter ist die ehemalige Zelle von Jan-Carl Raspe, gegenüber kam Gudrun Ensslin ums Leben. Man spürt nahezu, welches bis heute noch nicht vollständig aufgeklärte Geheimnis der jüngeren deutschen Geschichte diese Räume in sich bergen.
Viele Zellen dieses Traktes sind übrigens heute durch “normale” Strafgefangene belegt.

Nun geht es in den Keller der JVA zu den speziellen Zellen für Randalierer und sonstige Tunichtgute, die sich durch Angriffe auf Vollzugsbeamte eine vorübergehende “Sonderbehandlung” verdient haben. Es erwartet uns stickige Luft, die mit jeder Metalltüre, die wir durchschreiten, immer schlechter wird. Schliesslich sind wir bei den Arrestzellen angekommen. Dabei handelt es sich um ca. 6 Quadratmeter große Räume, in denen ausser einer Gummimatratze mit reissfestem Bezug und einem Plumpsklo rein gar nichts ist. Keine Fenster, kein Türknauf, keine scharfen Kanten – nichts! Hier möchte ich keine 10 Minuten meines Lebens hinter verschlossener Türe verbringen!
Vor dem Bezug dieser netten Räumlichkeiten wird der Inhaftierte vollkommen entkleidet, damit er auch keine Möglichkeiten hat, sich selbst etwas anzutun.

Weiter geht es zu den diversen Werkstätten der JVA, darunter u.a. eine Kfz-Werkstatt, eine Schlosserei und eine Schreinerei. Hier werden Strafgefangene beschäftigt und gleichzeitig resozialisiert, um nach Ablauf der Haftstrafe eine bessere Möglichkeit zu haben, sich wieder in ein normales Leben einzugliedern. Ebenso werden hier auch Kundenaufträge von aussen abgearbeitet, nicht wenige namhafte Firmen lassen unter anderem teilweise in der JVA Teile fertigen.

Nach einem kurzen Imbiss in der Kantine des Oberlandesgerichtes, das sich ebenfalls auf dem Gelände der JVA befindet, kommt der angenehmste Teil dieses Nachmittages – wonach sich wohl jeder Inhaftierte sehnt:
Einfach so aus dem Tor hinausschlendern, die Gedanken sortieren, nochmals zurückblicken und einen äusserst interessanten Nachmittag nochmals in Gedanken durcharbeiten.

3 Antworten zu “Tag der offenen Tür im Knast III”

  1. Flecky sagt:

    Ich habe die heutige Führung mitgemacht…. den Dachhof, die ehemaligen RAF-Zellen und die “Randalierer-Zellen” hat man leider nicht gesehen. Nur die “normalen” Zellen, die Werkstätten, Besucherräume und Transportfahrzeuge. Die Beamten bei der Führung waren allesamt sehr freundlich, Daumen hoch!

  2. [...] Betreiber Carsten Münz erlebte seinerseits bereits im Jahr 2004 eine solche Führung und stellte seine Eindrücke auf dem Blog [...]

  3. Carsten sagt:

    Ich war heute kurz vor 15 Uhr am Start und kann Fleckys Beitrag bestätigen.
    Alle Beamten waren nicht nur sehr, sondern sogar äußerst freundlich und haben alle Fragen der neugierigen Besucher ausführlich beantwortet, wobei ich da selbst innerhalb unserer kleinen Gruppe Wiederholungen beobachten durfte. Daher allergrößtes Lob von mir für Organisation und Ausführung in der JVA.
    Mein eigenes Interesse und Auffassungsvermögung während des Rundgangs war ein wenig eingeschränkt, und zwar aus verschiedenen Gründen: Mir schlug die Hitze des Nachmittags aufs Gemüt und ich vermisste während des knapp 90-minütigen Rundgangs das, was unseren Vierbeinern vor einer gewissen Stammheimer Apotheke geboten wird: Eine Möglichkeit zur Wasseraufnahme.
    Zudem kannte ich das meiste ja bereits vom Besuch aus 2004, und die zumindest aus meiner Sicht interessantesten Bereiche (Torwache, Dachhof, 7. Stock, Arrestzellen) waren nicht Teil des Rundgangs – was allerdings in Anbetracht der geplanten Teilnehmer von maximal 500 auch etwas zu stressig geworden wäre. Es hatten sich, wie ich auf Nachfrage erfuhr, etwa 250 Personen angemeldet.

    Einen deutlich besseren Bericht als den meinigen von der heutigen Führung (der ja eigentlich gar keiner ist) könnt ihr lesen, wenn ihr den Link einen Kommentar weiter oben zu Fleckys Blog anklickt. Es lohnt sich.

    Trotz meiner leichten Manöverkritik hat es viel Spaß gemacht, die alten Erinnerungen aufzufrischen und zu sehen, was sich inzwischen verändert hat.
    Habt ihr gut gemacht, Mädels und Jungs von der JVA! :)

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