Zugegegeben, dieser Beitrag hat sowas von rein gar nichts mit Stammheim zu tun, aber diese Freiheit gönne ich mir. Ausnahmsweise, kommt auch so schnell nicht wieder vor, es sei mir bitte verziehen. Auch wenn ich mir die Freiheit vorbehalte, hier ab und an eine persönliche Note einzubringen.
The best is yet to come – das Beste kommt erst noch. So lautet der letzte Song auf dem letzten Studioalbum der Scorpions, das diese Woche veröffentlicht wurde.
Die Scorpions.
Die Band, die ich seit meiner Jugend vergöttere.
Die Band, die mit ihrem letzten Album den Abschied vom Musikgeschäft verkündet hat und nun nahezu zwei Jahre auf Abschiedstournee rund um die Welt geht.
Die Band, deren stylischen Schriftzug ich als 12-jähriger, völlig planloser Knirps mit Edding auf meinen Handrücken gemalt hatte und dafür mit Sicherheit von dem einen oder anderen Mitschüler ausgelacht wurde.
Die Band, von der mir damals vor inzwischen gut 20 Jahren eine sehr gute Freundin namens Ines (vielleicht liest sie das hier ja irgendwann einmal) durch gute Kontakte ein limitiertes Crew/Staff-T-Shirt geschenkt hatte und ich stolz wie Bolle war, das beim Konzert in der Schleyer-Halle zu tragen. Das Shirt ging leider mal verloren, aber dankbar bin ich dafür heute noch.
Die Band, die seit nunmehr über 40 Jahren Musikgeschichte schreibt und nicht nur einen Klassiker rausgehauen hat. Dabei denke ich weniger an die leider zu oft zu jeder Gelegenheit herangezerrte und überstrapazierte Ballade Wind of Change, sondern vielmehr an Rock-Klassiker wie Rock you like a Hurricane, No one like you oder Big City Nights. Letzteres ist für mich eine Art Zeitmaschine: Wenn ich die beste CD aller Zeiten, das Live-Album World Wide Live, in den Player werfe, Big City Nights anspiele und dann dem Live-Gesang der Massen lausche, während Klaus Meine die Fans anheizt und (damals noch) Hermann Rarebell das Schlagzeug zu Brei haut, bin ich auch nach so vielen Jahren immer wieder zurückversetzt in die Schleyerhalle und bekomme eine Gänsehaut.
Und ähnlich geht es mir fast auch mit dem neuen und letzten Album Sting in the Tail. Es ist kein Plagiat der eigenen, früheren Songs. Aber es erinnert sehr stark an die Scorpions der 80er Jahre, es erinnert an Love at first Sting, das bis heute beste Album der Scorpions, nachdem sie leider in den 90ern deutlich nachgelassen hatten. Die Scorpions sind mit ihrem letzten Album im neuen Jahrtausend angekommen und bringen den guten alten Sound der 80er wieder mit – und das ist gut so. Schon der Opener Raised on Rock erinnert sofort an Rock you like a Hurricane, ist aber dennoch ein eigenständiger Song, bei dem man richtig mitgehen kann. Die Hammer-Ballade Lorelei ist ein Ohrwurm, wie es ihn lange nicht mehr gab. Der nächste Balladen-Kracher ist Sly, das anfangs sofort an Holiday erinnert. Ich bin kein Musiker und habe von Noten soviel Ahnung wie eine Milchkuh vom Apnoe-Tauchen, aber da dürften einige Ähnlichkeiten vorliegen. Aber egal, Sly kommt verdammt gut rüber und ist neben Lorelei einer meiner Favoriten für eine Single-Auskopplung, weil Balladen erfahrungsgemäß als Single besser einschlagen als Rock-Knaller, von denen es auf dieser Scheibe auch mehr als genug gibt.
Und dann wie schon gesagt als letzter Song The best is yet to come. Der Titel wurde wohl nicht unbewußt ans Ende des Albums gesetzt, und er geht tief. Hört man sich das an und denkt gleichzeitig nach, welche Erfolge die Scorpions in den vergangenen Jahrzehnten eingefahren haben und – was viel wichtiger ist – welche persönlichen und teilweise auch intimen Erlebnisse man mit der Musik der Scorpions verbindet, kommt einem schon mal das eine oder andere Tränchen. Hier geht eine Ära zu Ende.
The best is yet to come? Nein, ich denke nicht. In dieser Beziehung haben wir das Beste wohl schon erlebt. Außer man sieht vielleicht das Konzert am 14.05. in der Schleyerhalle entsprechend. Aber danach gilt für mich ganz sicher nicht mehr The best is yet to come, sondern vielmehr Still Loving You! Danke Scorpions, für so viele Jahre und so tolle Musik!
Einfach nur Danke!